Multiperspektivische Betrachtung komplexer Themen

Die Erörterung als Methode zur sachlichen Urteils- und Meinungsfindung

Wie auch in den anderen Unterrichtsfächern, gibt es im Unterrichtsfach Deutsch Inhalte und Methodenvermittlungen, die spiralcurricular aufgebaut sind. Das bedeutet beispielsweise: In der Sekundarstufe wird im Deutschunterricht "die Erörterung" behandelt. Bereits im darauffolgenden, spätestens im übernächsten Jahrgang, werden sich die Schüler und die Lehrer abermals mit der Erörterung befassen. Und im weiteren Verlauf der Schulzeit wird die Erörterung abermals im Deutschunterricht auftauchen.

 

Spiralcurricular - also in den jeweils höheren Jahrgangsstufen wiederkehrend - sind diejenigen Inhalte, denen von Seiten der Gesellschaft und der Fachdisziplinen besonders hohe Bedeutung beigemessen wird. Darüber hinaus sind es Inhalte und Methoden, die komplex sind, und für deren Verständnis eine Wiederholung und eine Vertiefung als notwendig erachtet werden. Man trägt damit auch der Entwicklung der Lerner und deren Fähigkeiten Rechnung, mit zunehmenden Alter besser abstrahieren zu können.

 

Dass Jugendliche in der Schule wiederholt Inhalte erörtern müssen, belegt, dass die damit einher gehenden Kompetenzen als relevant betrachtet werden. Und dass diese Kompetenzvermittlung allen am Schulleben Beteiligten mehr Wert ist als eine bloße Randnotiz.

 

Wenn man eine Erörterung schreiben möchte, so betonen Lehrer,  ist es wichtig, an den Aufbau des Textes zu denken. Lehrer vermitteln gerne die zwei "klassischen" Möglichkeiten des Aufbaus einer Erörterung: die lineare Erörterung und die dialektische Erörterung.

 

Während bei der linearen Erörterung die Argumente für eine Position "hintereinander weg" geschrieben und anschließend die Argumente für die konträre Position ebenfalls in einer Reihe aufgeführt werden, wechselt man im Fall der dialektischen Erörterung die Perspektive nach Formulierung eines jeden Arguments.

 

Da man im letzteren Fall mehrmals hintereinander einen Perspektienwechsel vollziehen muss, und man zudem sprachlich gute Überleitungen braucht, freuen sich Lehrer, wenn sie gelungene dialektische Erörterungen lesen dürfen - und sie honorieren diese Leistungen in der Regel auch sehr gerne.

 

So unterschiedlich der strukturelle Aufbau einer Erörterung sein kann, so gleich sind doch die verschiedenen Ansinnen, die Lehrer haben, wenn sie ihren Schülern die Methoden der Erörterung vermitteln suchen.

Eines ihrer wichtigen Anliegen ist, dass die Schüler lernen, ein Thema aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, und dass sie über "ihren eigenen Tellerrand" schauen lernen. Darüber hinaus gibt es weitere Intentionen:

  • Lehrer wollen die Schüler dazu bringen, dass es für die jeweiligen Perspektiven verschiedene Argumente gibt.
  • Und: Ziel ist es, dass die Schüler sachliche und nachvollziehbare Argumente verwenden üben.

Auf Basis des Austausches und des Abwägens der unterschiedlichen Argumente ist es anschließend möglich, eine Schlussfolgerung zu ziehen. Und auch eine eigene Meinung zu entwickeln und zu formulieren. Ein "Dafür" , ein "Dagegen". Auch ist es möglich, einer zwiespältigen Haltung zum Thema Ausdruck zu verleihen: Besonders bezüglich der "großen" Themen, die sehr vielschichtig sind, ist nicht immer leicht eine eindeutige Haltung zu haben. Insofern ist auch die Formulierung einer Ambivalenz absolut akzeptabel.

 

Was macht diese Vorgehensweise so wichtig und so wertvoll, worin liegt ihr Nutzen, der über das Entwickeln sprachlicher Fertigkeiten weit hinaus reicht? Die Antwort: Die Erörterung ist eine Methode zur sachlichen Urteils- und Meinungsfindung. Sie ist insbesondere ein Mittel, um komplexe und facettenreiche Themen multiperspektivisch zu betrachten. Der Erörterung wohnt es inne, dass man dabei wenigstens zwei Positionen miteinander vergleicht. Damit verbunden sind auch die Aspekte der Akzeptanz und der Toleranz und der Empathie: Man lässt die andere Position zu. Und man versetzt sich hinein in die andere Sichtweise und versucht, zu verstehen.

 

Unterlässt man diesen Vergleich, und wird der Fokus der Aufmerksamkeit auf nur eine Position gelenkt, nimmt man dieser Methode ihren wesentlichen Charakter - die sachliche Urteils- und Meinungsfindung kann dann nicht mehr differenziert und differenzierend gelingen. Entsprechend werden im schulischen Kontext diejenigen Aufsätze, welche tendenziell monoperspektivisch sind, auch mit geringen Punkten und Noten bewertet.

 

Nun werden Inhalte und Methoden nicht nur für den schulischen Kontext gelernt, sondern auch für die Zeit "danach". Wie eingangs gesagt: Besonders den spiralcurricularen Inhalten wird von Fachkräften und der Gesellschaft eine hohe Bedeutung beigemessen. So auch der Erörterung und damit einhergehend auch der Kompetenz der sachlichen Urteils- und Meinungsfindung.

 

Man ist sicherlich gut beraten, sich im Verauf seines Lebens hin und wieder dieser schulischen Kontexte zu erinnern, um jeweils aktuelle Ereignisse abwägend und sachlich einordnen zu können. Ein Blick auf die Argumente jeweils anderer Positionen kann dabei erhellend sein.

 

Dabei können andere Positionen und andere Argumente ähnliche Aufgaben erfüllen, wie Wegmarken zu Land, zu Wasser oder im Raum: Sie dienen einer Orientierung, und sie helfen, dass sich ein jeder eine Karte der ihn umgebenden Welt erschaffen kann. Das Navigieren mit Hilfe solch einer Karte fällt dann wesentlich leichter - auch in etwas stürmischen Zeiten und im Fall mancher Unwägbarkeiten.


Discussion as a method for objective judgement and opinion

As in the other subjects in school, the German subject has content and methods that are structured in a spiral curriculum. That means for example: In secondary school, "the discussion" is dealt with in German lessons. Already in the following year, at the latest in the year after next, the students and teachers will again deal with the discussion. And in the further course of the school year, the discussion will appear again in German lessons.

Spiralcurricular structured - i.e. recurring in the higher grades - are these contents to which society and the disciplines attach particular importance. In addition, it is content and methods that are complex and for the understanding of which repetition and consolidation are considered necessary. This also takes into account the development of learners and their ability to abstract better with increasing age.

The fact that young people repeatedly have to discuss content at school shows that the skills associated with it are seen as relevant. And that this competence transfer is of more value to everyone involved in school life than a mere marginal note.

When writing a discussion, teachers stress that it is important to think about the structure of the text. Teachers like to convey the two "classical" ways of structuring a discussion: linear discussion and dialectical discussion.

Whereas in linear discussion the arguments for one position are written "one after the other away" and then the arguments for the opposite position are also written in a row, in dialectical discussion the perspective is changed after each argument has been formulated.

Since in the latter case a change of perspective must be made several times in a row, and since one also needs linguistically good transitions, teachers are pleased when they are allowed to read successful dialectical discussions - and as a rule they are also happy to reward these achievements.

As different as the structural structure of a discussion may be, the different approaches that teachers have when they try to teach their students the methods of discussion are the same.

 

One of her important concerns is that the students learn to look at a topic from different perspectives and that they learn to look beyond "their own nose". Beyond that there are further intentions:

Teachers want to make the students think about that there are different arguments for each perspective. And: The aim is to make the students practice using factual and comprehensible arguments.

Based on the exchange and weighing of the different arguments it is then possible to draw a conclusion. And also to develop and formulate their own opinion. A "For it" "Against." It is also possible to express an ambivalent attitude on the subject: It is not always easy to have an unequivocal position, especially on the "big" issues, which are very complex. In this respect, the formulation of an ambivalence is also absolutely acceptable.

What makes this approach so important and so valuable, what are its benefits, which go far beyond the development of language skills? The answer: Discussion is a method for making objective judgements and forming opinions. In particular, it is a means of looking at complex and multifaceted issues from multiple perspectives. The discussion involves comparing at least two positions. Connected with this are also the aspects of acceptance and tolerance and empathy: one allows the other position to be taken. And you put yourself in the other perspective and try to understand.

If one omits this comparison, and the focus of attention is directed to only one position, this method loses its essential character - the objective judgement and opinion finding can then no longer succeed in a differentiated and differentiating way. Accordingly, in the school context, those essays that tend to be monopersective are also given low points and grades.

Contents and methods are not only learned for the school context, but also for the time "after". As mentioned at the beginning: spiralcurricular content in particular is given high importance by professionals and society. This also applies to the discussion and the associated competence of objective judgement and opinion making.

One is certainly well advised to remember these school contexts from time to time in the course of one's life in order to be able to weigh up and objectively classify current events. A look at the arguments of other positions can be illuminating.

Other positions and other arguments can fulfil similar tasks, such as marking the way on land, at sea or in space: they serve as orientation and help everyone to create a map of the world around them. Navigating with the help of such a map is then much easier - even in stormy times and in the case of some imponderables.